Dankbarkeit und eine Zeit des Wartens




Ich laufe durch den Wald und sehe die Bäche am Wegrand, die tagelanger Regen hinterlassen hat. Seit Wochen liegt ein Gefühl des Wartens in der Luft. Ein Warten, dass der Regen endlich aufhört und die Sonne hervorkommt. Ein Warten, dass der Sommer endlich beginnt.

Ich schaue umher. Der normalerweise ruhige und friedliche Bach hat sich zu einem hektischen, schnellen Fluss entwickelt, der das Bachbett hinabströmt und den Waldboden überflutet. Ich bücke mich und berühre das Wasser. Für diesen erdigen Waldboden ist das Wasser überraschend klar.

Währenddem ich umherschaue, bemerke ich, dass ich es eigentlich mag, wie friedlich die Natur wirkt, während leiser Nieselregen auf die Blätter der Bäume fällt. Ich mag es, dass an Regentagen weniger Menschen unterwegs sind und es draussen stiller wird. Und trotzdem warte auch ich auf die Wärme, auf die Sonne, auf den Sommer. Und während ich darüber nachdenke, fällt mir auf, dass es mir auch schon umgekehrt ging. Manchmal ist der Sommer heiss und laut, die Luft ist warm und feucht, tausend verschiedene Gerüche von Bratwürsten, Sonnencremes und Mückensprays liegen in der Luft. Und dann sehne ich mich manchmal gerade nach dieser Stille, nach der frischen Luft, die ein kalter Wintertag mit sich bringt. Nach dem friedlichen Knistern unter meinen Schuhen, wenn der Boden so schön gefroren ist. Aber eigentlich, wer weiss, vielleicht ist morgen der letzte warme Sommertag und dann fängt die Kälte wieder an, und mit der Kälte das Warten auf die Wärme, auf die Sonne. Vielleicht ist morgen der letzte warme Sommertag und es dauert wieder Wochen, oder Monate, bis der nächste kommt. Und mir wird jetzt bewusst, wie viel es eigentlich gibt, dass nicht selbstverständlich ist. Nicht die Wärme des Sommers, nicht die Sonne, das Grün der Blätter an den Bäumen, nicht einmal der Duft nach Bratwürsten und Sonnencreme.

Ich schaue nochmals auf das überraschend klare Wasser am Waldboden und plötzlich spüre ich eine Dankbarkeit. Dass es regnet, dass es nass ist, und dass es für einen Augenblick einfach still ist. Der nächste warme Tag wird wieder kommen, das ist sicher, aber vielleicht ist heute der letzte Regentag und es dauert Wochen, oder Monate, bis der nächste kommt. Also versuche ich ihn zu geniessen, auch wenn ich innerlich auf etwas anderes warte.

Was ich sagen will ist, manchmal gibt es Zeiten, in denen nicht besonders viel passiert, oder eben nicht das, was man eigentlich gerne möchte. Manchmal sitzt man einfach da und wartet. Ich weiss nicht, ob ich die einzige bin, aber ich habe oftmals in diesen Wartezeiten das Gefühl, irgendwie in der Zeit festzustecken. Manchmal fühle ich mich wie gelähmt dabei. Ich habe das Gefühl, am Wegrand zu stehen und zuzuschauen, wie alle anderen sich bewegen, aber ich bleibe stehen. Und es überfordert mich, denn ich will etwas ändern, aber eigentlich muss ich mir zugestehen, dass ich nichts daran ändern kann, dass die Zeit eben so schnell vergeht, wie sie nunmal vergeht.

Es ist nicht immer einfach, das zu erkennen, aber ich denke, im Warten liegt auch eine Kraft. Diese Stille, in der ich spüre, dass etwas in mir heranwächst, dass vorher noch nicht bereit war. Es wächst Mut, es wächst Dankbarkeit, es wächst der Blick für die kleinen Dinge, die ich in Hektik und Stress nicht wahrnehme.

Wartezeiten können anstrengend sein, aber sie lassen mich auch wachsen. Wenn die Wartezeit vorbei ist, fühlt es sich wie ein Verwachen aus einer Starre. Ich beginne langsam wieder zu atmen und zu leben und bemerke, wie ich plötzlich Dinge kann, die ich vorher nicht konnte. Wie ich mutiger bin. Wie ich dankbarer bin. Wie ich geduldiger bin, auch mit mir selber. Selbst wenn wir es nicht bemerken, ich bin überzeugt, dass wir auch in Wartezeiten über uns selber hinauswachsen, oftmals bemerken wir es einfach erst, wenn die Zeit vorbei ist.

Vor ziemlich genau einem Jahr befand ich mich in genau so einer Wartezeit. Ich legte ein Zwischenjahr ein, ich arbeitete etwas, war aber auch viel zuhause und hatte nicht besonders viel zu tun. Ich wusste nicht genau, was ich später tun will und in welche Richtung mein Weg gehen soll. Ich fühlte mich etwas verloren in der Zeit, in der ich steckte. Ich fühlte mich einerseits schlecht, dass ich so wenig zu tun hatte. Wir lernen doch schon sehr früh, dass beschäftigt zu sein ein gutes Zeichen ist. Wenn jemand keine Zeit hat, weil er oder sie so viel zu tun hat, sehen wir das eigentlich nicht als etwas schlechtes. Keine Zeit zu haben, weil wir so viel um die Ohren haben, ist normal, oder sogar angesehen. Wenn jemand beschäftigt ist, heisst das irgendwie auch indirekt, dass diese Person erfolgreich ist. Ich fand es in dieser Zeit schwer zu erklären, was ich gerade machte, wenn Leute mich danach fragten. Ich machte Musik, ich war zuhause, ich ging oft in die Natur spazieren, ich las viel, aber zählt das wirklich unter «etwas zu tun haben»?

Einerseits fühlte ich mich schlecht, da ich nicht wusste, wohin ich gehen soll und was ich will, aber auf der anderen Seite war es auch eine der besten Zeiten überhaupt. Ich hatte endlich Zeit, zu atmen, die Seele baumeln zu lassen, Dinge zu tun, die ich mir schon lange vorgenommen hatte, mich mit Freundinnen treffen und gute Gespräche führen. Auch wenn es damals nicht immer einfach war, ich denke diese Zeit war wichtig für mich um zu reifen. Ich anerkenne die Wartezeit nun als wertvoll, auch wenn ich mich nicht immer so fühlte.

Ich weiss, dass es manchmal schwierig ist, in einer Wartezeit zu sein. Man weiss nicht was sein wird, weiss nicht, wie man dahin kommen soll, wo man hinwill oder fühlt sich verloren in der Zeit. Aber vielleicht ist heute ja der letzte Tag des Wartens und es wird Wochen oder Monate dauern, bis wieder so ein Tag kommt. Und vielleicht, nur vielleicht werde ich in dieser Zeit genau so einen Tag ab und zu ein klein wenig vermissen.

16 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Reality & Fantasy

Juli 2021