Stärken & Schwächen




Ich stand im Eingangsbereich eines Büros. Vor mir befand sich eine riesige Tafel mit kleinen Zettelchen, auf denen Namen und Adjektive standen. Ich konnte nicht genau definieren, was das ist.

«Ist das eure Brainstorming-Wand?», fragte ich jemanden.

«Nein, das ist unsere Stärken-Wand", antwortete er. "Alle Mitarbeiter*innen schreiben die Stärken der anderen auf diese Zettel und die sammeln wir dann hier. Zum Beispiel haben wir hier einen Mitarbeiter, der oftmals länger braucht, bis er mit einem Projekt vertraut ist. Ihm fallen die besten Ideen oft erst im Nachhinein ein. Das klingt vielleicht wie ein Nachteil, ist aber sehr wertvoll, um später Korrekturen vorzunehmen und ein Projekt auszubauen».

Ich atmete durch. Irgendwas daran berührte mich sehr. Auch eine vermeintliche Schwäche kann eine Stärke sein. Nun stand ich vor dieser Wand und fragte mich, was wohl meine Stärken sind. Ist es wahr, sehen wir manchmal Stärken bei uns selber als Schwächen?

Ich weiss, dass ich selber zum Beispiel nicht besonders gut darin bin, gelassen mit Stresssituationen umzugehen. Ich kann nicht immer gut mit Kritik umgehen. Meine Energie ist unter vielen Menschen schnell aufgebraucht und ich brauche eine Pause. Dann fühle ich mich als Last, weil andere auf mich warten und Rücksicht auf mich nehmen müssen. Ich brauche oftmals länger als die anderen, bis ich eine Aufgabe oder einen Befehl vollständig begreife, weil dieser gleichzeitig mit vielen anderen Eindrücken, die ebenfalls verarbeitet werden müssen, eintrifft und gleichzeitig eine Kette von Gedanken und Emotionen auslösen. Die Ungeduld anderer Menschen in Stresssituationen spüre ich ungefiltert, was dazu führt, dass ich nervös werde und noch ungeschickter werde, als ich schon von Natur aus bin. Das sind dann diese Momente, in denen ich mir manchmal wünschte, nicht so zu sein. Dann fühle ich mich schlecht, so zu sein, wie ich bin, weil ich nicht das leisten kann, was andere von mir erwarten.

Aber vielleicht muss das gar nicht so sein. In einem anderen Kontext kann eine Schwäche plötzlich zur Stärke werden. Zum Beispiel Hochsensibilität. Gerade wenn es darum geht, neue kreative Wege einzuschlagen. Ideen zu entwickeln. Eine neue Sichtweise einbringen. Menschen verstehen. Wenn ich Menschen zuhöre, gerate ich selten in die Situation, dass ich deren Gefühle, deren Emotionen nicht nachvollziehen kann. Meistens habe ich so etwas ähnliches auch schon einmal gefühlt. Leider fehlt an vielen Arbeitsplätzen die Zeit, diese Stärken richtig einzusetzen. Die Zeit vergeht, Entscheidungen müssen schnell gefällt werden, und bevor man überhaupt Luft holen konnte, hat schon jemand anders die Frage beantwortet.

Ich weiss nicht, was auf meiner Stärken-Wand stehen würde oder was andere über mich schreiben würden. Aber ich weiss jetzt, dass die Einschätzung meiner Eigenschaften auch eine Frage der Perspektive sind. Vielleicht ist es eine gute Idee, mal für mich selber so eine Stärken-Wand aufzustellen. Ich weiss, dass ich vermutlich in einem hektischen Arbeitsalltag mit vielen Leuten nicht viel Leistung erbringen kann. Und oftmals verliere ich mich darin, mir Sorgen darüber zu machen, dass ich das nicht kann. Wieso kann ich etwas nicht, dass alle anderen können? Doch sehen wir es mal so: dafür kann ich auch Dinge, die nicht alle anderen können. Kreativ sein. Für Menschen da sein. Ich kann die Natur bewundern. Ich stelle Theorien auf, in meinem Kopf, über die Menschen, über die Welt. Etwas, worauf nicht alle Menschen Wert legen und doch so essentiell ist für mich, und ich bin überzeugt, auch für viele andere.

Manchmal vergeht Tag für Tag und die Härte des Gefühls, irgendwie nirgends hineinzupassen oder nichts zu können, wird stärker. Aber gerade als Person, die so viele Gefühle auf einmal hat, ist es wichtig, die Gewissheit zu haben, dass ich genug bin. Auch wenn das Gefühl nicht da ist, wir wissen es, tief innen. Wir sind wertvoll, genau in der Art, wie wir sind. Es wird einen Ort geben, es wird Menschen geben, die meine Fähigkeiten und meine Stärken schätzen. Und meine Sensibilität nicht nur als Hindernis sehen, sondern als Chance, die Dinge aus einer anderen Sichtweise zu sehen. Hoffentlich. Zumindest schätze ich selber sie nun etwas mehr.

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